Warum sehen Ökoklamotten immer scheisse aus?

Ja, warum denn eigentlich? Die Natur schmückt sich ja auch im schönsten Kleid und zeigt sich von der besten Seiten. Warum denn Kleidung aus natürlichen Materialien nicht? Das es auch anders geht haben die FREITAG-Brüder jüngst bewiesen.

Den beiden Gründern von FREITAG aus Zürich gelang in den 90er-Jahren der grosse Coup, von dem jedes Start-up träumt: ihre Blachentaschen wurden zum Kult, wurden oft kopiert und prägen noch heute die Schweizer Öffentlichkeit. Vom Student bis zum Grosi. Dass sie aber keine Eintagsfliege sind sondern Trends setzen, beweisen sie mit ihrem zweiten Coup. Die Zeit dafür könnte nicht besser sein, denn Nachhaltigkeit ist das neue Hip. Recycling ist gut, aber es geht noch besser: Produkte, die sich kompostieren lassen und somit für die Erde nach der Verwendung Nahrung sind und der Umwelt bei der Entsorgung keine Schäden zufügt. Die Brüder schiessen über das bislang bekannte öko hinaus und ihre Kleiderlinie F-ABRIC sieht dabei auch noch scheissgut aus.

Camera/Edit: Yves Scagliola, Music: Zigitros, Voice: Russell Hergert

Alles begann eigentlich damit, dass FREITAG seine Crew einkleiden wollte. Natürlich standesgemäss gut gekleidet, wie es sich für Designer gehört. Aber da die beiden Brüder immer etwas weiter (quer-)denken als andere, musste es zu ihrer Philosophie passen. Öko ja, aber bitte keine Pullover, als hätte sie Omi gestrickt, denn aus dem Alter sind sie ja nun wirklich alle raus. Die Suche ging los, gefunden wurde nix, was den umfassenden Ansprüchen gerecht wurde. Die meisten hätte die Finger davon gelassen und auf übliches zurückgegriffen, denn schöne Kleider gibt es allemal, mit ein bisschen Bio-Baumwolle und so, aber das reichte nicht. Kleidung herzustellen, wo es doch schon unendlich viele Produzenten gibt – und dann noch mit einem neuen Anspruch an die Nachhaltigkeit – da sind Hürden mehr als vorprogrammiert. Aber weil sie eben die FREITAG-Brüder sind, haben sie’s auch durchgezogen. Und wie!

Doch welche Fragen stellten sich die FREITAG-Brüder (und andere nicht)?

  • Gibt es auch Fasern, die im europäischen Klima gedeihen?
  • Müssen Textilien dreimal um die Welt reisen, bevor wir sie anziehen können?
  • Können Stoffe und Kleider auch ohne Giftstoffe hergestellt werden?
  • Warum sehen Ökoklamotten immer scheisse aus?
  • Wie langlebig ist nachhaltig?
  • Kann man Kleider kompostieren?

Partner wurden gesucht und gefunden und das Abenteuer F-ABRIC ging los.

Auf ganzer Linie nur Vorteile

Die neuen Textilien von F-ABRIC sollten natürlich so viele gute Eigenschaften mit sich bringen wie nur möglich: Robustheit, Reissfestigkeit und somit Langlebigkeit, denn bei FREITAG wird hart gearbeitet. Wo gearbeitet wird, wird auch geschwitzt und da ist es von Vorteil, haben die Textilien wärmeregulierende Eigenschaften, nehmen mehr Feuchtigkeit auf als andere Kleider und sind antibakteriell und antisynthetisch. Nicht nur in der Fabrik von Vorteil, sondern auch im Club.

f-abric_freitag_kompost_small
Adieu, WORKPANT. Die kompostierbare Kleidung wird wieder eins mit der Erde.

Langlebige und kompostierbare Kleidung

Baumwolle kam nicht in Frage, da

  • der Anbau zu weit weg stattfindet,
  • Baumwolle zu durstig ist und Wasser verschwendet,
  • extrem viel Anbaufläche benötigt, damit sie sich entfalten kann.
  • Zudem werden Baumwoll-Bauern oft ausgebeutet und die Pflanzen förmlich in Chemie (Pestizide und Dünger) ertränkt. Das bekommen auch die Bauern und deren Familien zu spüren.

Doch welcher Rohstoff wächst nicht fernab im Urwald und lässt sich für Textilien verwenden?

Modal, Hanf und Leinen

Leinen (auch Flachs genannt) gilt ja schon seit jeher als edler Stoff, gerade im Sommer sind Leinenkleider sehr angenehm zu tragen. Die Vorteile zur Baumwolle liegen auf der Hand und ist seit jeher der älteste Textilrohstoff der Welt. Leinenfasern sind kühlend und angenehm auf der Haut und dazu noch robust. Die Pflanzen benötigen wenig Dünger, wenig Pestizide und keine zusätzliche Bewässerung und gedeihen vor allem in gemässigten Klimaregionen. Einziger Anspruch der Leinen: erfordert viel Erfahrung im Anbau. Über diese verfügt ein Familienunternehmen, geführt in der sechsten Generation in der Normandie, Frankreich. Auch sie entdecken stets neue Seiten an der Naturfaser.

Hanffasern sind pflegeleicht, aus ihnen lassen sich atmungsaktive, robuste und warme Textilien herstellen. Hanf wächst in fast allen klimatischen Zonen, benötigt kaum Wasser, keine Pestizide und laugt die Ackerböden nicht aus.

f-abric_freitag_schneiderinnen_smallDie Chefs prüfen die nachhaltige Kleidung natürlich persönlich.

Modal wird aus Zullulose hergestellt, einer Faser natürlichen Ursprungs. Seine Eigenschaften sind ähnlich der der Baumwolle. Buchenholzspäne werden in Säure aufgelöst, die entzogene Zellulose wird zu einem Brei verarbeitet und verspinnt. Buchenbäume kontrollieren ihren Bestand und gleichen diesen ggf. aus. Somit entfällt die Züchtung.

Aus diesen drei Rohstoffen fertigt FREITAG die Stoffe Broken Twill für Hosen, Jerseystoffe für T-Shirts und Herringbone als Futterstoff für die Hosentaschen. Gewoben wird in einem Familienunternehmen nahe der Modemetropole Mailand in Italien.

Was macht denn die Steinnuss am Hemd?

Mit dem Stoff alleine ist aber noch keine Hose und kein T-Shirt produziert. Das Nähgarn aus 100% pflanzlichem Lyocell wird u. a. in der WORKPANT verarbeitet. Die über 270 Meter Garn kosten des Rohstoffs wegen – reines Holz – alleine schon so viel wie der gesamte Stoff einer handelsüblichen Hose aus Fernost. Das verwendete Webband besteht aus Leinen. Nur bei den Hemdknöpfen wird’s exotisch: Die Steinnüsse einer Palmenart, die in Mittel- und Südamerika wachsen, werden nach dem Trocknen – wie es der Namen schon verrät – steinhart. Daraus entstehen dann die biologisch abbaubaren Hemdknöpfe. Für z. B. die WORKPANTS wurde ein eigens entwickelter – mittlerweile patentierter Metallknopf mit Schraubverschluss – erfunden. Dieser überlebt jede Hose immer wieder von neuem. Zu guter letzt: jedem Kleidungsstück sein Label – auch diese sind vollständig kompostierbar. Ein Label pro Textil reicht auch aus, inkl. Pflegeanleitung. Die Einzelkomponenten der F-ABRIC-Textilien werden in Polen von erfahrenen Näherinnen zusammengefügt. Auch sie mussten sich an die neuartigen Stoffe und deren Verhalten beim Nähen gewöhnen.

Schon alleine die Idee begeisterte mich, dass es solche Textilien gibt. Und das sogar aus der Schweiz. Nachhaltig, ökologisch, fair und nach dem Cradle to Cradle Prinzip hergestellt, verkörpern sie genau das, wonach ich täglich suche. Aber ein Kleidungsstück muss natürlich halten, was auf Papier versprochen wird. Bequem soll es sein und vor allem im Sommer dem Schwitzen entgegenwirken. So musste Eines zum Test her: die Auswahl ist gross und es findet sich bestimmt für jede/n etwas im Onlineshop. Qual der Wahl, aber gesucht und gefunden: ein T-Shirt mit dem Namen ähnlich dem eines Reiskochers (E330 Female Scoop Neck): Das Paket kam umgehend per Post, alles ökologisch verpackt. Umgehend wurde das T-Shirt angezogen und mein Fazit: ich möchte es am liebsten täglich tragen! Da meine Garderobe ziemlich geschrumpft ist, da die alten Kleider langsam aber sicher ausgedient haben, kamen bereits zwei weitere dazu. Das Beste: nach dem Tragen muss ich mir nicht wie bisher ein schlechtes Gewissen machen. Die Kleider zersetzen sich auf dem Kompost und nähren die Erde. Der Preis: kann mit Markenkleidung durchaus mithalten. Ein Damen-T-Shirt gibt’s ab 65 Franken, eine Hose ab 240 Franken. Und ein gutes Gewissen gegenüber den ArbeiterInnen und der Umwelt kostenlos dazu. Bleibt einzig zu hoffen, dass die Produktbezeichnungen zukünftig etwas weniger technisch ausfallen und genauso toll klingen, wie es die Produkte sind.

FREITAG-Logo.jpg Endlich Hipster/in: Kauf dir dein Teil hier >

 

Foto Credits: Lukas Wassmann und Oliver Nanzig

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