Nachhaltig reisen – kleine Tipps mit grosser Wirkung

„Reisen bildet. Tourismus bildet Vorurteile auf beiden Seiten.“
Erhard Blanck

Die letzten Wochen las ich öfters Meldungen von Stadtbewohnern, die sich gegen Massentourismus wehren. Einheimische werden mit Lärm, überfüllten Gassen und öffentlichen Verkehrsmitteln, Verkehrsstaus, Abfallbergen etc. konfrontiert. Wir wissen wohl alle, wie es ist, im Stau zu stehen (Gotthardtunnel an Feier- und Ferientagen), asiatischen überdimensional grossen Reisegruppen auszuweichen (Luzern), Parkplätze an der Seepromenade zu finden (Tessin), in unendlich langen Schlangen anzustehen (Zermatt), vergeblich den Schlaf zu suchen, den einem johlende und alkoholisierte Menschen stehlen (Langstrasse, Zürich) … Doch da sind wir in der Schweiz mit der vorwiegend übersichtlichen Anzahl an Reisebussen wohl noch gesegnet. Denkt man an die Kreuzfahrtschiffe, die schnell zwischen 500 und 2000 Passagiere durch das Mittelmeer schippern, die dann auch in Massen das Schiff verlassen und ganze Städtchen und Städte stürmen. Und weil eines meist nicht genug ist, werfen oft gleich mehrere Schiffe am selben Tag im selben Hafen den Anker. Selbst erlebt habe ich das ganze letztes Jahr in Dubrovnik in Kroatien und in Montenegro.

Auf der Heimreise von Montenegro ging der Rückflug nach Zürich ab Dubrovnik, Kroatien. Meine Kollegin und ich hielten es für eine gute Idee, zwei Tage in Dubrovnik zu verbringen, da wir eh schon da waren. DAS war ein grosser Fehler: die Stadt war überfüllt von unfreundlichen und gestressten Touristen. Kaum in einem Restaurant war ein Platz frei, nach zwei Versuchen lokale Sehenswürdigkeiten zu besuchen gaben wir entnervt auf. Wartezeit mindestens eine Stunde an der erbarmungslos brennenden Sonne. Dasselbe in einem idyllischen Städtchen in Montenegro. Das Schiff im Hafen ein paar Meter vor dem Stadttor so gross, dass man nur den Kopf schütteln konnte. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Die Vermutung hat sich schnell bestätigt, die meisten Passagiere besuchten das Städtchen, welches sich den Gegebenheiten anpasste und nur noch Restaurants (meist nicht einmal lokales Essen) und Souvenirshops beheimatet. Da kann ich nur sagen: langweilig! Ich stelle mir unter reisen etwas anderes vor. Doch was tun? Sich Gedanken machen, wie man etwas nachhaltiger reisen kann!

„Wer andere besucht, soll seine Augen öffnen und nicht den Mund.“
Afrikanisches Sprichwort

Essen, essen, essen! Probieren geht über studieren.

Regional essen

Trau dich was! Das Ausprobieren der fremden Küche gehört zum Reisen dazu. Stürme nicht nur all die Restaurants, die bei Online-Plattformen auf den Topplätzen rangieren. Etwas Risiko gehört doch dazu (solange die Lebensmittelvergiftung ausbleibt), besuche auch Restaurants etwas abseits, die lokal kochen. Verzichte auf Burgerbuden oder Sandwichläden, die es überall auf der Welt gibt. Dafür gibt es mindestens drei gute Gründe: die Kultur des Ortes geht verloren, die Einheimischen profitieren wenig davon und als Reisende/r solltest du genau auch wegen den neuen Erfahrungen verreisen! Unterstütze die Leute vor Ort, in dem du deren Restaurants besuchst und wer weiss, vielleicht machst du die (Essens-)Erfahrung deines Lebens!

Lokales Handwerk in Myanmar: Papierschirme, alles handgemacht und aus lokalen natürlichen Materialien.

Regionale Souvenirs

Fast jedes Land, wenn nicht sogar Region oder Ort, haben ihr lokales Handwerk, oder gar mehrere. Meist lässt sich sogar zusehen, wie etwas produziert wird, denn die Menschen sind stolz und die Wertschätzung, die du ihnen damit erbringst, ist sowieso unbezahlbar. Kaufe Souvenirs für dich und deine Liebsten vor Ort, handgemacht und lokal. Somit unterstützt du die Einheimischen und deren Kultur. Und wenn du beim Schenken dein Erlebnis erzählst, hat alles sofort einen unbeschreiblichen Wert.

Blattgold wird in Myanmar von Hand hergestellt.

Es müssen nicht immer die grossen Metropolen sein

Für mich ist der grosse Reiz am Reisen andere Kulturen, Menschen, Küchen etc. kennenzulernen. Es muss daher nicht London, Paris oder New York sein. Sind zwar auch alles schöne Städte, doch es gibt super Alternativen. Gerade wenn du nicht mit tausend(en) anderen Touristen durch die Strassen und Gassen schlendern willst. Es gibt viele unbeschreiblich schöne Orte auf dieser Welt, manchmal braucht es halt etwas länger, z. B. eine zusätzliche Zug- oder Autofahrt zum Ziel.

„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“
Johann Wolfgang von Goethe

Der Kluge reist im Zuge

Oder: Wer reist im Flug, der wird nicht klug. Es gibt unglaublich viele Destinationen, die sich gut mit dem Zug bereisen lassen. Warum nicht mit guten Freund/innen mit dem Nachtzug nach Prag, Budapest oder Wien? Ein tolles Erlebnis und man verliert z. B. bei einer Reise mit dem Nachtzug keine Zeit. Abends eingestiegen, morgens erholt am Ziel. Oder mit dem Fernbus nach München, ist günstig und schnell.
Wenn du mit dem Flugzeug reist, dann für eine längere Reise. Nur weil du einen Flug nach New York für 600 Franken buchen kannst, ist ein Kurztrip auf diese Distanz schlichtweg ökologischer Unsinn! Kombiniere Städtereisen mit Strandreisen. Ich besuche oft zuerst eine Stadt und fliege dann weiter. Vor allem, wenn sowieso kein Direktflug erhältlich ist. Z. B. Singapur – Bali oder Hongkong – Bali, Bangkok – Myanmar, Los Angeles – Hawaii etc. Das kostet dich lediglich drei Urlaubstage mehr – das reicht meistens für Städtebesichtigungen – und der Umwelt ist auch gedient.

„Es gibt Wichtigeres im Leben, als ständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“
Mahatma Gandhi

Airbnb oder Hotel?

Ehrlich gesagt, ich bin ein grosser Fan von Airbnb & Co. Ich mag keine Hotels und hause lieber unter Einheimischen. Doch aus einer guten Idee wurde ein knallhartes Geschäft. Wenn sich jede/r Reisende ein Apartment als Reiseunterkunft gönnt, dann hat das die Konsequenz, dass Einheimische mit einem noch knapperen und teureren Immobilienmarkt kämpfen. Wir möchten zu Hause ja auch so günstig wie möglich wohnen! So kam es, dass einige Städte Modelle wie Airbnb bereits verboten haben oder verbieten werden. Wenn du alleine reist: buche dir ein Zimmer bei Leuten, die sowieso dort wohnen. Seid ihr mehrere: Agenturen vermeiden, die Wohnungen kaufen und kommerziell vermieten. Evtl. findet sich jemand, der länger verreist und seine Wohnung untervermietet. So profitieren alle. Und du musst nicht auf eine günstige Unterkunft verzichten. Gratis Tipps der Gastgeber meist inklusive. Und sonst gibt es noch Couchsurfing. Für ein paar wenige Tage auch spannend. Und gratis. Buche bei Hotels direkt, dann bezahlen sie keine Provision an Vermittlungsplattformen (Artikel im Tageanzeiger >). Oder suche bei Google nach Unterkünften, die fair, lokal und ökologisch handeln.

Abfall vermeiden

Verhalte dich wie (hoffentlich) zu Hause: Abfall gehört in den Abfalleimer. Kaufe Wasser, falls von der Leitung nicht trinkbar, in grossen Kanistern, um dieses in handliche Flaschen abzufüllen. Denke daran: viele Länder haben (noch) kein Abfall- oder Reyclingsystem, wie wir es kennen. Sollte das der Fall sein, nimm alles an Plastik, Kleider etc. wieder nach Hause (defekte Sonnenbrille, leere Behälter etc.). Auch Wasserkanalisationen und -aufbereitungen lassen sich in manchen Ländern lange suchen und dennoch nicht finden. Verwende daher Seifen, die sich ökologisch bedenkenlos abbauen lassen und werfe nichts ins Wasser (WC, Meer etc.), was nicht dort hingehört. Tönt banal, ist aber für Menschen und Umwelt vor Ort wichtig. Verwende z. B. auch recyclierbare (zum Artikel >) oder wiederverwendbare (zum Artikel >) Verpackungen. Du möchtest das Land ja vielleicht in ein paar Jahren wieder besuchen und in voller Pracht antreffen und erleben.

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Traditionelle Kleidung der Frauen, Kinder und Männer (!) in Myanmar: der Longyi

Kultur und Privatsphäre respektieren

Passe dich den kulturellen Gegebenheiten und Vorschriften an. Du hast keine Lust auf einen Schleier? Dann solltest du gewisse Orte meiden. Du möchtest oben ohne am Strand liegen? Auch das gehört sich nicht überall. Wähle deine Destination so, dass du dich nicht eingeschränkt fühlst. Egal wo du bist, ob in einer Grossstadt, in der du dich relativ anonym bewegst oder einem Dorf, wo dich bereits nach Einzug in deine Reiseunterkunft der Nachbar kennt: verhalte dich den kulturellen Gepflogenheiten und belästige niemanden mit unangebrachtem Verhalten. Auch die Menschen ungefragt von nächster Nähe fotografieren: ein No-Go! Wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, es wird gefragt, egal wie! Sogar den nettesten und geduldigsten Asiaten verärgert man damit früher oder später. Da muss man sich nicht wundern, sind Touristen nicht mehr gern gesehen. Also benimm dich einfach so, wie du es dir von Touristen oder Mitmenschen bei dir zu Hause auch wünschst: angepasst und respektvoll.

Ich wünsche dir viele inspirierende, spannende und freudige Reisen!

„Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.“
Kurt Tucholsky

Weiterführende Links

  • Tagesanzeiger vom 5.10.2016: „Knebelverträge“ für Schweizer Hotels – jetzt laufen Politiker Sturm. Bis zu 50 Prozent müssen hiesige Gaststätten bei Online-Buchungen an Booking.com abliefern. Wer jetzt dem US-Konzern die Stirn bietet. Zum Artikel >
  • NZZ vom 26.4.2016: Massentourismus wird zum Politikum. Barcelona will kein zweites Venedig sein. Zum Artikel >
  • NZZ vom 30.7.2012: Die Attraktion Venedig. Disneyland an der Lagune. Zum Artikel >
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